Sicherer Ort — Imaginationsübung in der Traumapädagogik

Die Imagination eines sicheren Ortes gehört zu den meistgenutzten Stabilisierungstechniken in der Arbeit mit traumatisierten Menschen. Sie ist niedrigschwellig, schnell vermittelbar und für Kinder wie Erwachsene gleichermaßen einsetzbar. Dieser Beitrag erklärt das Verfahren fachlich, beschreibt die Anwendung Schritt für Schritt und benennt Indikationen, Kontraindikationen und Grenzen.

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Was ist der „Sichere Ort“ in der Traumapädagogik?

Der sichere Ort ist eine imaginative Stabilisierungsübung. Die betroffene Person stellt sich innerlich einen Ort vor, an dem sie sich vollständig sicher, geborgen und unbeschwert fühlt. Dieser Ort kann real, erinnert oder rein imaginiert sein.

Die Methode geht auf Luise Reddemann zurück, die sie im Rahmen der Psychodynamisch Imaginativen Traumatherapie (PITT) entwickelt hat. Sie wurde später für pädagogische Settings adaptiert und zählt heute zum Standardrepertoire der Traumapädagogik. Auch Wilma Weiß und Andreas Krüger beschreiben Varianten der Übung in ihren Praxisbüchern.

KL
Lese-Empfehlung · Fachliteratur
Imagination als heilsame Kraft
Luise Reddemann · Klett-Cotta · 2017 (19. Auflage) · ISBN 978-3608897760
Reddemanns Standardwerk zur PITT — die fachliche Quelle für den sicheren Ort und verwandte Imaginationsübungen. Pflichtlektüre für alle, die ressourcenorientiert arbeiten.
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Der sichere Ort ersetzt keine Traumatherapie. Er ist ein Ressourcen-Anker — eine vorbereitete innere Adresse, die bei Belastung aktiviert werden kann, um das Erregungsniveau zu senken und Selbstwirksamkeit zu erleben.

Wann wird der sichere Ort eingesetzt?

Der sichere Ort wird vor belastenden Gesprächen, nach intrusiven Erinnerungen oder bei akuter Übererregung eingesetzt. Er dient als kurzzeitige Distanzierungs- und Selbstberuhigungstechnik im pädagogischen Alltag.

Typische Anwendungssituationen in der Praxis:

  • Vor einem belastenden Gespräch (zum Beispiel über die Familiensituation oder eine bevorstehende Anhörung) — die Übung baut eine innere Sicherheitsbasis auf, von der aus die Person spricht.
  • Nach einem Flashback oder einer intrusiven Erinnerung — die Übung holt die Person zurück in das Hier und Jetzt und ins regulierte Erregungsniveau.
  • Beim Einschlafen — sie ersetzt belastende Bilder durch eine ressourcenorientierte Vorstellung und unterstützt Schlafqualität.
  • In der Gruppe — als ritualisierter Tagesabschluss oder vor schwierigen Themen in der Schulsozialarbeit.
  • Bei Übergangssituationen — Schulwechsel, Wechsel der Pflegefamilie, Aufnahme in eine Wohngruppe.

Wie wird der sichere Ort vermittelt? Schritt für Schritt

Die Vermittlung erfolgt in fünf strukturierten Schritten: Einleitung, Suche, Ausgestaltung, Verankerung, Rückkehr. Der gesamte Prozess dauert ungefähr 15 bis 25 Minuten und wird in ruhiger, sicherer Umgebung durchgeführt.

Schritt 1 — Vorbereitung und Einleitung

Klären Sie das Setting: ruhiger Raum, keine Unterbrechungen, eine bequeme Sitz- oder Liegeposition. Erklären Sie kurz und sachlich, was die Übung tut und was nicht. Wichtig: keine Versprechen über Wirkung machen. Holen Sie eine ausdrückliche Zustimmung ein. Bei Kindern auch die der Bezugsperson.

Schritt 2 — Suche nach dem Ort

Die Person schließt die Augen oder fixiert einen Punkt. Sie sucht innerlich nach einem Ort, an dem sie sich völlig sicher fühlt. Der Ort darf real (ein Lieblingsplatz aus der Kindheit), erinnert oder rein erfunden sein. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“. Wichtig ist nur: An diesem Ort gibt es keine andere Person — außer die Person bringt bewusst eine vertraute Figur mit.

Schritt 3 — Ausgestaltung mit allen Sinnen

Die Fachkraft führt mit ruhigen Fragen durch den Sinneskanon: Was sehen Sie? Welche Farben, welches Licht? Welche Geräusche hören Sie? Was riechen Sie? Wie fühlt sich der Boden unter Ihren Füßen an? Welche Temperatur hat die Luft? Je sinnesreicher der Ort ausgestaltet wird, desto fester verankert er sich.

Schritt 4 — Verankerung mit Geste oder Wort

Während die Person im sicheren Ort ist, wird ein Anker gesetzt: eine Geste (Hand auf Herz, Finger zusammendrücken), ein Wort, eine Farbe oder ein Bild. Dieser Anker dient später als Schnellzugang. Im Alltag kann die Person mit der Geste oder dem Wort den sicheren Ort innerlich aktivieren, ohne die gesamte Übung wiederholen zu müssen.

Schritt 5 — Sanfte Rückkehr

Die Rückkehr erfolgt ohne abruptes Aufwachen. Die Person verabschiedet sich innerlich von dem Ort, weiß aber, dass sie jederzeit zurückkehren kann. Anschließend öffnet sie die Augen, dehnt sich kurz und beschreibt — wenn sie möchte — kurz, wie es ihr jetzt geht. Schließen Sie mit einer normalen Alltagshandlung ab (ein Glas Wasser trinken, das Licht heller machen).

Welche Varianten gibt es für Kinder?

Für Kinder ab vier Jahren wird die Übung vereinfacht und stärker körperlich verankert. Statt langer Imagination malen Kinder ihren Ort, basteln eine kleine Szene oder bringen Gegenstände mit. Die Sprache bleibt kindgerecht und konkret.

Bewährte Adaptionen:

  • Bildmalung — das Kind malt seinen sicheren Ort auf Papier. Das Bild wird in einer Mappe aufbewahrt und in belastenden Momenten hervorgeholt.
  • Schatzkiste — eine kleine Schachtel mit Symbolen aus dem sicheren Ort (Stein, Feder, Foto, kleines Spielzeug).
  • Gefühlskarten — Bildkarten werden genutzt, um Sinneseindrücke des Ortes zu beschreiben (Farbe, Wetter, Stimmung).
  • Geschichten-Verknüpfung — der sichere Ort wird in eine Vorlesegeschichte integriert.
  • Stofftier als Begleiter — ein Übergangsobjekt darf am sicheren Ort dabei sein.

Bei Jugendlichen kann der sichere Ort auch ein imaginärer Raum sein, in dem nur erlaubte Personen Zutritt haben. Das stärkt das Erleben von Selbstbestimmung — ein zentrales Element traumapädagogischer Arbeit.

Wo liegen die Grenzen der Methode?

Der sichere Ort ist nicht für alle Menschen jederzeit geeignet. Bei akuter Dissoziation, schweren psychotischen Symptomen oder Suizidalität ist eine isolierte Imaginationsübung kontraindiziert. Auch funktioniert die Methode nicht immer beim ersten Versuch.

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Erste Hilfe für traumatisierte Kinder
Andreas Krüger · Patmos Verlag · 2018 (7. Auflage)
Krügers Praxisbuch enthält kindgerecht adaptierte Stabilisierungsübungen — darunter Varianten des sicheren Ortes mit Bildmalung und Symbolarbeit.
FormatTaschenbuch
Seitenca. 280
ZielgruppePädagogen, Eltern
NiveauEinstieg–Mittel

Konkrete Risiken und Grenzen:

  • Keine Wirkung oder Verschlechterung bei Menschen mit anhaltender Dissoziationsneigung — Imagination kann das dissoziative Wegtreten verstärken statt es zu unterbrechen.
  • Trigger-Risiko — wenn ein vermeintlich sicherer Ort plötzlich mit traumatischen Erinnerungen verknüpft wird (zum Beispiel das Kinderzimmer, in dem die Gewalt stattfand), entsteht keine Stabilisierung, sondern eine Re-Traumatisierung.
  • Falsche Erwartung — die Übung ist Stabilisierung, keine Heilung. Wer unrealistische Versprechen macht, riskiert Vertrauensverlust.
  • Setting-Sensibilität — Gruppen-Imaginationen in der Schule oder Wohngruppe brauchen besondere Sorgfalt; einzelne Teilnehmer können destabilisieren.
  • Akute Krisen — bei akuter Suizidalität, psychotischen Symptomen oder schwerer Depression gehört die Person in fachärztliche oder psychotherapeutische Hand. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar.

Wie verhält sich die Übung zu anderen Stabilisierungsmethoden?

Der sichere Ort gehört zu einer Familie ressourcenorientierter Übungen. Verwandte Methoden sind die Tresor-Übung, die Innere-Helfer-Übung, die Lichtstrom-Übung und die Baum-Übung. Alle stammen aus dem PITT-Konzept oder verwandten Schulen und werden situativ kombiniert.

In der pädagogischen Praxis ergänzt der sichere Ort körperorientierte Verfahren wie das 5-4-3-2-1-Wahrnehmen, achtsamkeitsbasierte Atemübungen oder das neurogene Zittern (TRE). Die Wahl der Methode orientiert sich am aktuellen Erregungsniveau: Bei sehr hohem Stress sind körperliche Übungen meist wirksamer; bei mittlerem Niveau eignet sich die Imagination gut.

Eine Übersicht weiterer Selbstregulationsmethoden für Erwachsene findet sich in unserem Beitrag Selbstregulation Erwachsene: Effektive Übungen. Für Kinder verweisen wir auf Förderung der Selbstregulation bei Kindern.

Wie führe ich die Übung in der Schule oder Wohngruppe ein?

Die Einführung in Gruppen erfolgt schrittweise. Beginnen Sie nicht direkt mit der vollen Imagination, sondern führen Sie zuerst kleinere Selbstwahrnehmungsübungen ein. Bauen Sie Vertrauen auf, klären Sie Ausstiegsmöglichkeiten und arbeiten Sie immer mit einer ruhigen, transparenten Sprache.

Konkrete Empfehlungen für die Praxis:

  • Freiwilligkeit ist Pflicht. Niemand wird zur Imagination gedrängt. Wer nicht möchte, kann mit offenen Augen am Tisch sitzen.
  • Ausstiegssignal vorher vereinbaren: eine Geste, ein Wort, ein Klopfen — damit jeder die Übung jederzeit beenden kann.
  • Nachbereitung einplanen. Nach jeder Imagination kurze Erdung: Bewegung, Wasser trinken, einen Alltagsgegenstand in die Hand nehmen.
  • Dokumentation. Halten Sie kurz fest, wie die Gruppe reagiert hat. Auffälligkeiten (Unruhe, Tränen, Rückzug) gehören ins Team-Gespräch.
  • Supervisionsbezug. Wer regelmäßig mit traumatisierten Klientinnen und Klienten arbeitet, braucht eigene Reflexionsräume — Stichwort sekundäre Traumatisierung.

Welche Qualifikation brauche ich für die Vermittlung?

Für die isolierte Anwendung der Übung im pädagogischen Setting reicht eine fundierte traumapädagogische Fortbildung. Für die Arbeit im klinischen oder therapeutischen Kontext ist eine psychotherapeutische Qualifikation notwendig.

Anerkannte Zertifikatskurse vergeben unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Traumapädagogik (DeGPT/Fachverband Traumapädagogik) und das Zentrum für Psychotraumatologie am Alexianer Krankenhaus Köln. Kursumfänge bewegen sich zwischen 240 und 300 Stunden über mehrere Module — meist 18 bis 24 Monate berufsbegleitend.

Eine grundlegende Voraussetzung ist die eigene Erfahrung mit der Übung. Wer den sicheren Ort selbst nicht regelmäßig nutzt, sollte ihn nicht vermitteln. Die innere Haltung gegenüber der Methode überträgt sich auf die Klientel.

Häufig gestellte Fragen

Wie lange dauert die erste Übung?

Die vollständige Erstvermittlung dauert 15 bis 25 Minuten. Folgeübungen sind kürzer, weil der Ort schon bekannt ist und nur reaktiviert werden muss. Eine Aktivierung über den Anker reicht oft nach wenigen Sekunden.

Kann der sichere Ort sich verändern?

Ja. Es ist normal, dass sich der Ort mit der Zeit wandelt. Manche Klientinnen und Klienten haben einen festen Ort, andere mehrere. Wichtig ist die innere Wirkung, nicht die Konstanz des Bildes.

Funktioniert die Übung bei Menschen mit Demenz?

Bedingt. Bei beginnender Demenz kann eine sensorisch reichhaltige, vertraute Atmosphäre (Musik, Düfte, Tastreize) ein „sicheres Erleben“ auslösen, ohne dass die volle Imagination gelingt. Bei fortgeschrittener Demenz tritt das körperliche Erleben in den Vordergrund.

Was tue ich, wenn keine sichere Erinnerung verfügbar ist?

Dann wird ein erfundener Ort konstruiert. Das ist kein Mangel — viele schwer belastete Menschen haben keine sicheren biografischen Orte zur Verfügung. Die Imagination wirkt auch dann, sie braucht nur etwas mehr Zeit und Ausgestaltung.

Was sage ich, wenn jemand während der Übung weint?

Ruhig bleiben. Die Tränen sind häufig Entlastung, kein Schaden. Begleiten Sie die Person mit ruhiger Stimme, fragen Sie nicht aus. Lassen Sie die Übung sanft auslaufen und bieten Sie nachträglich ein Gespräch an. Bei anhaltender starker Belastung verweisen Sie auf Fachstellen.

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Quellen und weiterführende Literatur

  • Reddemann, L. (2017): Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. 19. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart.
  • Reddemann, L., Wöller, W. (2020): Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT). Das Manual. Schattauer, Stuttgart.
  • Weiß, W. (2021): Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. 9. Auflage. Beltz Juventa, Weinheim.
  • Krüger, A. (2018): Erste Hilfe für traumatisierte Kinder. 7. Auflage. Patmos Verlag, Ostfildern.
  • Bausum, J., Besser, L., Kühn, M., Weiß, W. (Hrsg., 2018): Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis. Beltz Juventa, Weinheim.
  • Deutsche Gesellschaft für Traumapädagogik / Fachverband Traumapädagogik (DeGPT): Curriculum und Fortbildungsstandards. Online verfügbar unter degpt.de.
  • Telefonseelsorge Deutschland — kostenfrei und anonym unter 0800 111 0 111 (rund um die Uhr).